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Der Apfel fällt steil Richtung Dach
Jun
14
2010
Der Apfel fällt steil Richtung Dach
von (Christoph Fuhrhans)
Es gibt wenig Dinge, die mich nahezu überhaupt nicht interessieren. Atonale Musik gehört dazu. Oder das Fach „Maschinenbau“. Oder, und damit wäre ich beim Thema: Fussball. Ich empfinde gegen diese Art pseudo-sportlicher Betätigung eine tiefe, nein was sage ich: eine abgrundtiefe Abneigung. Sie begann bereits in der Schule. Wenn ich mich recht erinnere, in der 6. Klasse. Wieder mal gab es irgendeine Fussballwelt- oder Europameisterschaft. Meine Mitschüler waren komplett im Fussballfieber. Und natürlich wurde für die kommende Sportstunde ein astreines Match gegen die Nachbarklasse („die B“) vorbereitet. Ich fand das Ganze zwar nicht so wahnsinnig interessant, aber weil ich immerhin zeichnen konnte, zeichnete ich während des Unterrichts mal eine kleine Mannschaftsaufstellung. Und weil mir für den Mittelstürmer (oder wie das heisst) niemand geeigneteres einfiel, schrieb ich eben meinen eigenen Namen hin und liess diese Aufstellung, Zustimmung voraussetzend, unter den Bänken kursieren. Und ich kann mich noch sehr gut an das erinnern, was da in den nächsten Minuten wie eine in Zeitlupe durch die Klasse mäandernde Zündschnur abbrannte und was ich eine „Gelächterkette“ nennen möchte. Selbst Thomas Möller, der ansonsten alles daran setzte mich möglichst wenig zu verärgern, lachte mir in der folgenden Schulpause unverhohlen ins Gesicht und fragte mich, ob ich noch bei Troste sei. Mittelstürmer? Ich mit meinen zwei linken Füssen käme bestenfalls auf die Reservebank. Mir blieb die Spucke weg. Und von Stund an schwor ich dem Fussball und den Fussballfreunden Rache.
Später, als Student in einer Kreuzberger Hinterhofwohnung, fieberte ich nun meinerseits regelmässig den Europa-, Welt- oder anderen Finalspielen entgegen und hoffte, die Mannschaft meines Herkunftslandes werde unter den Finalisten sein. Und wenn es dann soweit war, meistens mitten im Hochsommer, wo schon aus klimatischen Gründen alle Fenster zum Hinterhof geöffnet waren, wenn also janz Balin mit Bier zum Endspiel vor die Jlotze hockte, wa, schleppte ich kichernd meine voluminösen Lautsprecherboxen ans Fenster und begann, pünktlich mit dem Anpfiff, den Hinterhof mit donnernder Opernmusik zu beschallen. „Karl V“ von Ernst Krenek beispielsweise oder „Lulu“ von Alban Berg, zwei besonders gruselige Zwölfton-Opern, die ich einer musikwissenschaftlichen Ex-Freundin seinerzeit aus reinem Selbstschutz hatte entwenden müssen, kamen auf diese Weise zur ca. zweistündigen Wiederaufführung in ansonsten opernmässig eher unterversorgter Umgebung. Ich unternahm währenddessen meist einen vergnügten Flaniergang durchs Quartier und amüsierte mich beim Gedanken an das ausgebrochene prollige Hinterhofgezeter. Wenn ich später heimkehrte, konnte ich an der Menge der im Hof zerschellten "Schultheiss"-Flaschen mir einen kleinen Eindruck vom Ausmass des Unmuts verschaffen, der meinem Fenster gegolten hatte.
Heute mache ich solche Spässe natürlich nicht mehr und habe stattdessen sublimere Mittel entwickelt. Beispielsweise überlege ich, mir in Fussballzeiten ein Fähnchen von Libyen, dem Vatikan oder einem anderen Schurkenstaat ans Autodach zu klemmen. Oder neuerdings eine BP-Standarte. Auch eine Fahne vom "Roten Halbmond" wäre eventuell ganz pfiffig, vielleicht würde ich dann sogar als Rettungsfahrzeug im Stau schneller durchgelassen werden. Oder halt auch nicht. Kürzlich habe ich eine kleine Piratenflagge mit Totenkopf und gekreuzten Knochen, die wir vor zwei Jahren kurz nach Max Geburt in einem Freiburger Ökoshop zur Zierde seines Kinderwagens gekauft hatten, wiedergefunden und diese jetzt, natürlich auch Max zur Freude, an mein Autodach montiert. Sieht echt super aus, und Max und ich können uns jetzt beim Autofahren gemeinsam amüsieren und die Fussballfreunde veräppeln. Dachte ich.
Ja, dachte ich. Und ich dachte mir auch noch nichts Böses dabei, als mir vor drei Tagen Susanne Jung, meine Hausärztin, beim Verabschieden in ihrer Praxis einen kleinen Karton hinhielt, der ein ballähnliches Gebilde umschloss. Wie alt mein Sohn jetzt sei? Aha, zwei Jahre, na warum nicht, dann sei das hier doch das Richtige für ihn. Sie selbst habe nämlich eine pubertierende dreizehnjährige Tochter und „das hier“ sei das allerletzte, womit jene sich beschäftigen würde … „Das Allerletzte“, das ich dankend entgegen nahm, war das Werbeschenk einer Pharmafirma. Ein echter kleiner blauweisser Lederfussball von etwa Honigmelonengrösse. Also, ich habe nicht nur was gegen Fussball, ich habe vor allem auch was gegen Pharmafirmen, und die Farbkombi blauweiss, na ja –und Honigmelonen mochte ich noch nie, weil sie irgendwie nach Lackverdünner riechen. Jedenfalls wanderte der Karton achtlos auf die Autorückbank, neben Max Kindersitz. Danke, Susanne. Vielleicht komme ich mal an einem Altkleidercontainer vorbei, da fliegt das Ding dann rein.
Während ich also gestern zu Beginn einer geplanten Autofahrt in den Zoo schmunzelnd das Piratenfähnchen montierte, krabbelte Max schon auf dem Rücksitz rum. Und fand den Karton. Und, jaja, Sie ahnen es schon. Den Fussball aus dem Karton reissen und wieder aus dem Auto herausklettern war, wie man so sagt, eins. „Max, Vorsicht, nicht anfassen, das Pharmading ist infektiös!“ konnte ich gerade noch entsetzt rufen, aber da war es schon zu spät. Max trat gegen den Ball, der schlitterte mit diesem typischen Leder-Rutschgeräusch über die Steine der Garageneinfahrt und knallte gegen die Haustür. Max lachte. Ich weiss nicht, ob Sie sich das vorstellen können: Der Junge ist zwei Jahre alt. Sprechen tut er sparsam und mal eben das Nötigste. Während ich mit anderthalb Jahren schon ganze Geschichten erzählt haben soll, passiert es immer noch, dass Max eine von mir mit Pflasterkreide auf die Garageneinfahrt gemalte Kuh, und immerhin kann ich einigermassen zeichnen, auf Nachfrage zögernd als „… Maus??“ identifiziert. Stattdessen interessiert er sich für alles, was mit Maschinen zu tun hat. Fettverschmierte Traktor-Kupplungen in der Nachbarschaft beispielsweise. Und rennen kann er. Blitzschnell die Leiter von der grossen Rutsche im Zoo hochklettern und über die Schwebebrücke balancieren. Dinge, die ich erst mit drei oder vier Jahren … - aber lassen wir das. Jedenfalls gab Max den Fussball nicht mehr aus der Hand. Oder nicht mehr vom Fuss, um korrekt zu sein. Immer wieder schoss er ihn zu mir rüber. Und ich musste mitspielen. Genauer gesagt, mir regelmässig von Max den Ball abnehmen lassen. Unfreiwillig. Nichts mehr war mit Zoo und Piratenfähnchen.
Und raten Sie mal, was ich am Abend erleben musste, als ich ins Wohnzimmer schaute? Jlotze lief. Allein das ist schon ein Ereignis. Die läuft nämlich sonst nie. Damit aber nicht genug. Denn was lief da wohl? Eben. Und wer lümmelte neben seiner Mutter auf dem Sofa, zum ersten Mal in seinem Leben fernsehend? Ganz genau. Wahrscheinlich hatte er inzwischen von Ana auch schon die Worte "Tooor!" und "Schultheiss!" gelernt und verschonte mich damit lediglich aus sportlicher Nachsicht ...
Aha, dachte ich, einen Blick auf die über die Mattscheibe rennenden Herren riskierend, so wird mein Sohn also später mal aussehen. Die Frisur stimmt ja schon so einigermassen -
Als Max heute morgen mit Fussball in der Hand aus seinem Bett gekrabbelt kam, schritt ich zur Tat. So konnte das nicht weiter gehen. Schliesslich hat man ja noch eine pädagogische Verantwortung. In der Coop-Spielwarenabteilung erwarb ich ein albernes batteriebetriebenes orangefarbenes Harmonium. Es geht über drei Oktaven. Spricht man in der atonalen Musik eigentlich noch von "Oktaven"? Egal. Jedenfalls schien der Coop-Coup erfolgreich. Was Max da soeben mit Händen und Füssen auf dem Harmonium zustande bringt, wird er für allfällige weitere Fussballabende "im Hause" nur noch wenig in Richtung Schönberg perfektionieren müssen. Falls nicht – ja, das wäre natürlich schön blöd: Falls er nicht neben Traktor und Fussball jetzt schlichtweg eine dritte Leidenschaft entdeckt haben sollte, die er mit den beiden anderen geschickt und mehr oder weniger lautstark kombinieren wird. Die ich auch noch gefördert hätte! Dann wäre aus dem geplanten Ablenkmanöver wohl tatsächlich das geworden, was man ein Eigentor nennt ...
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