BorderBlog

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Himmel über der Wüste

Apr 11 2010

Nein, ich bin nicht in der Sahara verschollen und auch nicht in die unbeleuchteten Salzkrusten des Schott el Djerid eingebrochen. Ich bin weder von Gaddhafis Dunkelmännern verschleppt noch von der Reisegruppe wegen wiederholten Brechens des Achtsamkeits-Schweigegebots auf einer einsamen Düne ausgesetzt worden. Ich bin nicht vom Kamel gefallen, nicht an einer quersteckenden Dattel erstickt, nicht am Tag verglüht und nicht in den Nächten erfroren. Im Gegenteil. Ich bin schon seit längerem und unversehrt aus der Wüste zurückgekehrt. Momentan bin ich wieder für einen kurzen DBT-Besuch in Berlin. Woanders kommt man ja kaum noch zum Schreiben. Vor dem Hotel „Zarenhof“ rauscht der Frühlingsregen herunter und Berlin wird überall von lindgrünen winzig kleinen Blättern durchsetzt. Der Zarenhofdiener findet das versprochene Bügeleisen nicht, so dass ich kein Hemd bügeln und nicht ausgehen kann und den Abend im Hotel verbringen muss.

Die Wüste, darüber wollte ich eben berichten. Wie kann man sich die Wüste vorstellen? Ich weiss nicht, ob Sie als Kind eine Modelleisenbahn gehabt haben. Ich bekam, als ich fünf Jahre alt war, zu Weihnachten eine Märklin-Eisenbahn auf einer Pressholzplatte. Die Platte war mindestens halb so gross wie das Wohnzimmer unserer Zweizimmerwohnung . Mein Vater und Onkel Horst hatten sie in wochenlanger Arbeit mit Pappmaché-Hügeln bebaut, mit Leim bestrichen und mit Sand bestreut. Dann hatten sie die Fallerhäuser, die Schienen, Brücken und Bäume dazu geklebt, den Sand bemalt und schliesslich die Lokomotive und die Waggons darauf gestellt und alles an einen nachtblauen Trafo angeschlossen. Der Blick auf die Wüste nun, von einer Düne aus, das ist ungefähr so wie der Blick auf so eine Platte mit Pappmache und Sand, bevor der ganze restliche Krempel dazu montiert wurde. Mit der Temperatur  der Luftschichten scheint sich auch die Perspektive zu verändern, so dass die Dinge und Wesen in der Entfernung abends kleiner, morgens aber wiederum grösser erscheinen, als sie tatsächlich sind. Es ist auch immer ein leicht erhöhter Blick, wie auf einen grossen ZEN-Garten mit Sand und Harke, in den ein kreativer Geist, sagen wir mal Henri Matisse, ein paar lindgrüne Pflänzchen und ein paar blaue Kamele gestellt hat. Ein bisschen erinnert die tunesische Wüste tatsächlichauch  an einen Gabbeh-Teppich mit seinen kleinen Figuren.

Die Figuren waren in diesem Fall wir, eine Karawane aus 12 verschleierten Gestalten schweizerischer Herkunft, vier Beduinen und 14 Kamelen.Meistens wanderten wir in achtsamem Schweigen durch den pulverigen Sand, in den man einsinkt und in dem man schleppend voran kommt wie im Traum. Ich hatte mich bald mit Sebastian aus Winterthur und Marie-Louise aus Bern befreundet und mit beiden ziemlich viel Spass. Das abendliche Sitzen am Lagerfeuer wurde von schauerlicher Beduinenmusik auf ramponierten Instrumenten untermalt, so dass Sebastian und ich, da Marie-Louise spätestens um neun Uhr in den Schlafsack zu kriechen pflegte und die Beduinen mangels weiterer Zuhörer sich ebenfalls zu Schlafe begaben, bald das Lagerfeuer für uns allein hatten. Über uns ging der Vollmond auf und wir rechneten aus, dass alle Sandkörner der Sahara aneinander gereiht einen Faden von zehntausend Lichtjahren Länge ergeben würden. Aus einer solchen Entfernung betrachtet, rechneten wir weiter, würden der Mond und unser Lagerfeuer exakt so ununterscheidbar nebeneinander liegen wie zwei aufeinanderfolgende Sekunden an einem Tag vor zehntausend Jahren -

Und eben am Tag das Licht über der Wüste. Eigentlich ist es eher ein Licht unter der Wüste. Früher gab es in Museen oder in kunsthistorischen Instituten sogenannte Leuchttische, auf denen man Diapositive betrachten und sortieren konnte. Keine Ahnung, ob es an der speziellen Quarzstruktur des Sandes oder an den ständig über den Boden wehenden milchigen Sandschleiern liegt, jedenfalls scheint das Dünenrelief mit dem unerträglich blauen Himmel darüber von unten her zu leuchten wie solch ein Glasbild auf einem lichtgedimmten Acryltisch.

Und dieser immerwährende Wind. Er kühlt angenehm am Tag und lässt in der Nacht unangenehm frieren. Er bringt immer neuen feinen Sand. Sand in die Augen, die Nase, zwischen die Zähne und überall ins Gepäck. Nach ein paar Tagen hat man sich daran gewöhnt und blinzelt zwischen zusammengekniffenen Augen.

Obwohl ich nie zuvor in der Wüste gewesen war, ausser einmal vor Jahren  in Ägypten am Rande der Wüste, kam sie mir von Anfang an auf eine merkwürdige Weise vertraut und bekannt vor. Ich wusste nicht warum, bis mir plötzlich einfiel, dass ich, wiederum als Kind, einen Adventskalender besessen habe, auf dem das sogenannte Heilige Land als Wüste dargestellt war mit Kamelen und Karawansereien. Wenn man die Papiertürchen in Richtung Weihnachten öffnete, blickten einem darunter nicht etwa jüdische Siedler und moslemische Selbstmordattentäter entgegen, sondern freundliche biblische Gestalten, Zeltlager und Wüstentiere. Und die Farben waren genau die gleichen, wie ich sie jetzt vor mir sah.

Ja, und da fragte ich mich natürlich, als wir am Ende der Reise in einer echten Karawanserei angelangt waren und Schichten von rosafarbenem Sand in den moderigen Duschabfluss gurgelten, ob ich jetzt wirklich in der Wüste gewesen war. Vielleicht hatte ich es mir nur eingebildet und war statt dessen durch eine innere Bilderausstellung gewandert. Vielleicht war ich gar nicht mit Sebastian unterwegs gewesen, sondern mit Ernst Bloch und dem Prinzip Hoffnung, und die Wüste ist tatsächlich jener Ort, der allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand gewesen ist.

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