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Krankheit als Weg ist irgendwie auch kein Ziel
Feb
02
2010
Schnupfenviren und Erkältungsviren stelle ich mir immer als kleine talibanbraune Oktaeder mit noch kleineren Kettensägen vor. Manchmal haben sie auch nanometergrosse Betäubungsgewehre dabei. Vor ungefähr zehn Tagen besetzte so ein Sonderkommando unsere Wohnung. Max, der eines Abends mit einem Tropfen an der Nase aus der Kinderkrippe heimkam, wurde dabei gewissermassen als trojanisches Pferd benutzt. Zwei Tage lang passierte gar nichts. Dann schlug die mittlerweile vervielfältigte Armada zu. Sie arbeitete routiniert und lautlos. Innerhalb von ein paar Stunden schalteten sie uns alle drei gleichzeitig aus. Es war ein bisschen so, wie wenn man bei Kühlschränken die Stecker raus zieht – zack, zack, zack: Das alltägliche Vibrieren hörte auf. Wir fühlten uns benommen und irgendwie stillgestellt. An Beruf und an Arbeiten war nicht zu denken. Obwohl - oder gerade weil – auch Bewegungen nur in Zeitlupe möglich waren, war dieser Zustand zunächst gar nicht so unangenehm. Es war sogar eine Art erzwungener Achtsamkeit. Ich sass am Schreibtisch, dachte an nichts mehr und schaute zu, wie wir über die Tage hinweg langsam einschneiten. Max schob sein orangenes Kinderstühlchen an die Kopfseite des Schreibtischs, stieg drauf, stützte die Ellbogen auf den Tisch und schaute mir dabei zu, wie ich dem Einschneien zuschaute. Weil er gerade sprechen lernt und schon fünf Wörter kann (Kater, Tiger, I-Ah, Mami und Hallo), warf er mir manchmal aufmunternde Kombinationen wie „Hallo, I-Ah!“ zu, über deren neuronale oder gar maternale Verursachung ich vorerst nicht weiter nachdenken mochte, sondern die ich nach einer kleinen Pause mit einem gleichschwebenden, freilich etwas krächzenden „Hallo, Max!“ beantwortete. Einmal am Tag fuhr ich Fertiggerichte einkaufen und bewegte mich dabei durch den Coop in Wattwil wie ein Tiefseefisch durchs Strandgewässer: Alles war zu hell, zu laut, zu farbig. Schnell wieder nach Hause. Im dämmrigen Wohnzimmer zeigten wir Max, wie man aus Duplo-Lego ganz prima Mario Botta-Kirchen mit Minaretten bauen könnte und blätterten dösend im „Silbernen Löffel“ vom letzten Jahr. Appetit hatten wir keinen. Meist lebten wir erinnerungslos wie die Lotophagen und ernährten uns von Lutschtabletten. Manchmal aber gab es auch Momente echter Achtsamkeit, in denen mir z.B. auffiel, was für eine aufatmende Stille eintritt, wenn allen inneren Antreibern und Imperativen gleichzeitig der Saft abgedreht wird. Wenn all diese Jonglierbälle gleichzeitig heliumgefüllt himmelwärts schweben ….Herrlich! Irgendwie begann ich, mich auf die Demenz zu freuen.
Am vierten Tag, als wir schon irrtümlicherweise die Morgenröte der Genesung heran schimmern wähnten, begann unvermittelt und heftig der Abtau-Effekt, um mal beim Kühlschrankvergleich zu bleiben: Unsere Nasen begannen gleichzeitig in Strömen zu lecken und waren im Nu komplett verstopft. Und jetzt zeigte die Armada ihr wahres Gesicht. Schluss war mit der gleichschwebenden Aufmerksamkeit. Die Armada hatte khakigelbe Uniformen angezogen und legte die Kettensägen an Nase, Rachen und Stimmbänder. Und jetzt fühlten wir uns, als hätten wir die Köpfe in die Fahrstuhltür bekommen. So ähnlich sahen wir auch aus. Ein einziges Husten- und Nasentrompetgewitter brach los, es regnete Myriaden von gelblichen Tempotaschentüchern, Max liess den Blitz in Gestalt seines Fusses in die schönen Mario Botta-Kirchen einschlagen und ich tat den nächsten Schritt in Richtung Demenz und vergass, die Filterscheibe in den Espressokocher einzulegen. Natürlich hätte ich längstens einen neuen Espressokocher kaufen sollen anstatt die rausgebröckelte Scheibe seit Wochen immer wieder von Hand einzulegen, aber man kennt das ja, die reine Bequemlichkeit. Der Kocher explodierte mit Vulkangetöse und verpasste der Küche im Handumdrehen das Aussehen und den Charme einer Tüpfelhyäne. Wir waren uns bald einig: Hier ist auch mit kreativem Pinselstrich nichts mehr zu retten. Während ich den Herd schrubbte und Ana auf Internetseiten namens „Immodream“ und „Immogate“ zu suchen begann, hatte Max das Telefonieren mit dem Handy entdeckt. Er drückte immer irgendwelche gespeicherten Nummern, rief „Hallo!“ und neuerdings auch „Ciao!“ in den Hörer, was sich allerdings immer ein wenig wie „Tao!“ anhörte und versenkte das Handy anschliessend im Putzeinmer.
Seit dem Wochenende wird es jetzt allmählich besser. „Max glaubt wahrscheinlich, wir sind in Rente gegangen“, sagte Ana heute beim Frühstück, immer noch ziemlich fahl im Gesicht. Also ich weiss nicht – das wäre mir jetzt irgendwie doch nicht recht. Ab Morgen geh ich wieder arbeiten. Und auf die Jonglierbälle freu ich mich auch schon wieder.
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