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Morgen

Feb 26 2010

Ich weiss nicht, in welchem Alter an Kinder ein Ich-Bewusstsein entwickeln. Bin ja auch kein Kinderpsychiater. Bei Max war es jedenfalls offenbar heute morgen. Auf Photos oder im Spiegel erkennt er sich schon seit ein paar Wochen. Es scheint ihm dann, wenn er so ein Bild betrachtet, nach einer Weile aufzufallen, wer da zu sehen ist – er zeigt mit weit ausgestrecktem Zeigefinger auf das Max-Simulacrum und sagt, da er "Max" ja noch nicht so richtig aussprechen kann, "Maaaaaa!", so mit ganz langem und staunendem "aaaaaa!" und freut sich am Erkennen.

Heute morgen nun war er noch in einem etwas dämmerigen Zustand, als ich ihn aus seinem Bettlein hob und ihn auf dem Arm in Richtung Wohnzimmer, Werkbank und gefülltem Fläschchen bugsierte. Im grossen Wohnzimmerfenster räkelte sich der Säntis und ab und zu blitzten ihm schon ein paar Sonnenstrahlen über die Schulter. Der welkende Schnee schimmerte ölig und die Bäume bogen sich heftig im Vorfrühlingswind. Da kam Max zu sich. Er schaute kurz aus dem Fenster. Irgendetwas geschah mit ihm. Dann holte er unvermittelt mit dem Zeigefinger aus, als wolle er einen neurologischen Finger-Nase-Versuch machen, fuhr sich stattdessen aber in einer Art weitausholendem Finger-Bauch-Versuch mit dem Zeigefinger tief in seinen Buddhabauch hinein und rief "Maaaa!" und lachte tatsächlich, als hätte er etwas entdeckt was grösser ist als der Säntis. .

Ich musste ziemlich mitlachen, denn das hatte er ja auch. Zumal "Ma" auf Schweizerdeutsch ja etwas ähnliches bedeutet wie "Adam" im Hebräischen und ich also  gerade Zeuge einer kleinen Genesis geworden war.

Glück heisst ja nach Walter Benjamins geläufiger Definition, seiner selbst ohne Schrecken inne werden zu können. Und, sein wir mal ehrlich,  wer von uns kann das nun schon von sich behaupten.

Neulich war ich auf dem DBT-Trainersmeeting im Schwarzwald. Kirsten Schehr aus Meissenberg, die dieses alljährlich in einer Art Shining-Hotel stattfindende und ansonsten  äusserst lehrreiche Meeting organisiert, hatte sich diesmal was Besonderes ausgedacht und einen echten Meditationsguru eingeladen, der uns in einem nachmittäglichen Crashkurs die Essentials buddhistischer Satipatthana-Meditation vermitteln sollte. Er erinnerte  ein bisschen an die Figuren aus Janwillem van de Weterings Buch Reine Leere. Irgendwann mittendrin fragte eine Frau etwas schüchtern, ob Kinder eigentlich „ursprünglich“ achtsam sind und das dann später wieder verlernen würden. Es entspann sich eine rege Elterndiskussion über diese Frage, bis Martin Bohus endlich genervt „is doch Wuascht, ob Kinder achtsam sind oder wie“ rief, und: „Hauptsache ist doch, dass wir hier jetzt bald mal weiterkommen!“ Woraufhin der Guru sich allerdings als echter Guru erwies, dialektisch lächelte und sonor gurrte: Ach so – ich hatte angenommen, dass von den Kindern hier im Raum die Rede wäre …

Also, ob Kinder ohne Schrecken ihrer selbst inne werden oder achtsam sein können, das vermag ich auch nicht zu sagen. Aber ich finde, der Guru hat nicht unrecht. Und darum werde ich mich ab morgen mal für eine Woche in die Wüste begeben. „Achtsames Wüstentrekking“ heisst das Experiment zum Ich-Bewusstsein in der tunesischen Sahara. Bin mal gespannt, wie es verlaufen wird. Und werde natürlich darüber berichten. Falls gar keine Beiträge mehr kommen, liebe Leserin, lieber Leser, dann bin ich leider entführt worden. Algerien ist dort ja nicht weit, und Libyen noch weniger.

Kommentare

1 Kommentar/e

Mrz 01 2010

Kommentar von jana korte

was soll das bedeuten, achtsam? ist das komplizierter als ich denke? man ist da, und bemerkt möglichst viele dinge um sich herum.fühlt, riecht ,sieht und hört. und wenn kinder etwas super können, dann ist es doch das. deswegen ist es ja unter anderem so schön, mit ihnen zusammen zu sein.ich hatte in letzter zeit häufiger hier und da so momente wo ich das glück gewissermassen wahrnahm.letztens als ich mit lola, über eine grosse pfütze gebeugt, bemerkte, dass sich die bäume darin spiegeln. ich weiss nicht was genau da passierte, viel, würde ich sagen.

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