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Paris- Moskau

Jan 08 2010

Wann haben Sie zuletzt ein Telefon benutzt, bei dem der Hörer über eine Schnur mit dem Apparat verbunden war? Also ein Telephon, sozusagen? Oder eine Kaffemühle zum Drehen? Und wann sind Sie zuletzt mit dem Zug von, sagen wir Zürich nach Berlin gefahren, in der 1. Klasse? Also sozusagen gereist? Vielleicht lächeln Sie jetzt müde und sagen, lächerlich, das mach ich jeden Monat zweimal. Mir hingegen wär das nicht im Traum eingefallen. Für diese Entfernung hätte ich natürlich Airberlin genommen. Wenn da nicht zwei Dinge zusammengetroffen wären: Erstens musste ich eben mal wieder für einen DBT-Workshop nach Berlin. Skills II, mit Christian. Das ist ja jetzt schon fast Routine. Zweitens und zuvor aber ereignete sich: Ein Besuch von Muttern in der Schweiz. Über Weihnachten und Silvester. Das nun ist alles andere als Routine. Es ist an Komplexität, an Aufwand der Vor- und Nachbereitung allenfalls noch mit der Mondlandung vergleichbar. Stimmt die Konjunktion von Taxi, Zügen, Abholen in Zürich? Sodann die Zusammenstellung ihres Frühstücksbuffets? Stimmen Essen, Temperatur im Gästezimmer? Irgendetwas stimmte diesmal anscheinend nicht, und Mutter wurde krank. Hustete sich in  Richtung Jahreswechsel wie ein alter Lanz Bulldog, genas nur sehr allmählich und wirkte Anfang Januar immer noch ein wenig kränklich und lungensüchtig, so dass es geraten schien, sie auf der langen Reise zurück an die Ostsee wenigstens bis Kassel zu begleiten. Zumal sie mit einem Schrankkoffer zu reisen pflegt, den irgendwo noch ein Aufkleber „Hapag Lloyd“ ziert und der natürlich nicht über so neumodische Dinge wie Rollen verfügt.

Von Kassel würde ich dann direkt nach Berlin weiterfahren.

Und so kam ich in den Genuss einer Achtsamkeitsübung der besonderen Art. Der Flug dauert eine knappe Stunde. Die gesamte Zugfahrt hingegen achteinhalb Stunden. Achteinhalb Stunden Winterlandschaft. Kaum Menschen im Zug. Hinter Basel beginnt das flache Land, das eigentlich bis Hessen anhält. Einsam im Winterschlaf wie die Tundra. Zwei Farben gibt es, wenn man aus dem Fenster schaut: Sepiaschwarz  und weiss. Die Felder sind zunächst nur sparsam weiss bestäubt und sehen aus wie ein alter Weihnachtsstollen aus der DDR. Dann wird die Schneedecke dichter. Eine trübe orangene  Sonne sucht sich vergeblich ihren  Weg durch den Dunst, bis ich merke, dass das gar kein Dunst ist, sondern die Tönung der ICE-Scheiben. Lärmschutzwände links und rechts. Frierende Gestalten auf Bahnhöfen. Immer wieder unvermittelt Häuser an Bahngleisen, mit blinden und taubstummen Fenstern. In den modernen ICEs hört man kaum noch Fahrgeräusche. Die Reisebegleiter sind von ausgesuchter Freundlichkeit wie das Personal einer privaten Krankenstation. Zeitungen werden gereicht und Praliné in kleinen weissen Schächtelchen. Gegen Mittag gehen wir in den Speisewagen. Auch er ist kaum besetzt. Mutter bestellt ein Gericht, das ich auf meiner Speisenkarte vollkommen überlesen habe: Königsberger Klopse. Ich nehme das Gleiche. Sie lobt die Kapernsauce, die ihre eigene Mutter ebenfalls so vorzüglich herzustellen gewusst habe. Damals in Gumbinnen. Der Zug saust durch niedrige Kiefernwälder und Kiesabbaugebiete. Fördermaschinen ragen reglos in den Himmel. Hier wird erst im Frühjahr wieder gefördert. Die Landschaft ist jetzt eine Zeichnung von Goya.

Zwischen Cassel und Berlin beginnt es zu dunkeln. Das Weiss und das Sepiaschwarz lösen sich ineinander auf und bilden für kurze Zeit einen Tunnel aus tröstlichem Blaugrau.  Dann wird es rasch ganz finster. Ich lese Zeitung bis Berlin. In Berlin überfällt mich das Funkeln der winterlichen Hauptstadt. Ist hier Luciafest? Das Theater des Westens erstrahlt wie ein Palast in St. Petersburg. Und mein Hotel heisst komischerweise „Zarenhof“.

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