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Semifreddo
Jan
10
2010
Der „Zarenhof“ ist ein lustiges Potemkinsches Dorf: Die Reception vorn an der Schönhauser Allee ist mit schweren borschtsch-roten Teppichen, mit Messing und Kirschgartenholz ausgestattet, der stoppelbärtige Receptionist ist gekleidet wie ein ICE-Reisebegleiter in der 1. Klasse. Goldgerahmte Photos der Zarenfamilie hängen an der Wand, allerdings ein wenig schief. Das eigentliche Hotel befindet sich nämlich im 2. Hinterhof, der Weg dorthin bedarf einer längeren Beschreibung.
Das geräumige Zimmer ist mit airberlinrot bezogenen Möbeln aus Kirschholzimitat bestellt. Beim Öffnen schlägt mir die Aussentemperatur einer üblichen Reiseflughöhe entgegen. Polternd und gurgelnd erwärmt sich die aufgedrehte Heizung. Der Garderobenhaken gibt krächzend unter dem Druck des aufgehängten Mantels nach, ähnlich der Seifenspender im Bad: Statt ein wenig Flüssigseife aus der Düse löst sich gleich das ganze Gerät aus der Wand. Jetzt fehlt, um den Slapstick zu komplettieren, nur noch ein Kurzschluss beim Einschalten der nostalgischen Stehlampe. Er folgte in Kürze. Schweigen wir von den regelmässigen Überschwemmungen der Dusche und der Kaffeemaschine, die dem ganzen endgültig den Charme einer Reise nach Samarkand verleihen -
Das Personal ist jedenfalls guter Dinge.
Der Workshop mit Christian ist anspruchsvoll, die Teilnehmer sind gut vorgebildet. Ich verpatze ein Rollenspiel und ärgere mich. Christian erzählt aus einer Borderline-Untersuchung von Babette Renneberg, dass das Ausmass an Selbsthass eines Patienten ein Prädiktor für negativen Therapieerfolg sei. Das ist interessant. Die Untersuchung werde ich mir besorgen. Dann schildert er noch die unveröffentlichten Ergebnisse der Dismantling-Studie von Marsha Linehan (hat er von Martin Bohus erfahren), dass nämlich der regelmässige Besuch einer Skillsgruppe auch ohne gleichzeitig DBT-orientierte Einzeltherapie wirkungsvoll sein kann. Das glaube ich natürlich erst, wenn ich es gelesen habe. Kann nämlich eigentlich gar nicht sein.
Während dessen schneit Berlin langsam zu. Wir müssen Christians alten Polo aus einer Schneewehe befreien und rutschen hinter beschlagenen Scheiben durch die Stadt.
Am Abend gibt Christian ein grosses Geburtstagsfest in einem Restaurant direkt an der Spree, schräg gegenüber dem Berliner Ensemble. Ausserdem hat er seine Habilitation fertig. Babette Renneberg kommt in einer Art blaugrünem Worpsweder Wollhänger, ansonsten das übliche Berliner Publikum in Schwarzgrau mit Designerbrille. Die Stimmung ist munter. Alles freut sich über den Schnee, den Wein und die Musik. Christian erheitert sich an der Phantasie, dass ganz Berlin durch eine Schneekatastrophe endlich mal komplett lahmgelegt werde -
Deutlich nach Mitternacht gehe ich zu Fuss durch die Chausseestrasse in Richtung „Zarenhof“. Das Brecht-Haus liegt dunkel und blind am Weg. Ich wate im zertretenen Schnee wie in cremigem Flugsand und komme nur langsam voran. Es ist wie in manchen Träumen. Keine Menschen mühen sich mehr durch die Strassen. Stattdessen nähern sich Schilder, Graffiti und Schrift. Sie kommen auf mich zu, als hätten sie auf den Schnee, die Nacht und die Menschenferne gewartet. Berlins innerstes Wesen als Döblinische Zeichen-Collage tritt in Erscheinung. „Sarah Wiener Das Speisezimmer 2. Hof!“ verkündet ein Schild mit weisser Haube. Aufschriften mit „Notlösung“, „Techno Grill“, „Eisberg“, „Melampo Temporärer Showroom“ sowie „Aufstand der Wurd !!!“, letztere hoch oben an einer Brandmauer, sind Weisungen aus dem verborgenen Babylon.
Ich bleibe im Licht der Strassenlaterne stehen, und die Flocken fallen mal wieder wer weiss wie langsam um mich herum.
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