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"Siddharta" zum Beispiel
Apr
28
2010
Sollten Sie demnächst ein paar freie Tage haben, dann hätte ich einen Vorschlag für Sie: Fahren Sie nach Lugano. Tun Sie das möglichst auch, falls Sie keine freien Tage haben. Benachrichtigen Sie vorher Ihren Chef, dass Sie nunmehr Besseres vor haben als arbeiten zu gehen. Ehrlich währt nämlich am längsten. Fahren Sie dann nach Lugano rein und auf der anderen Seite wieder heraus und weiter in Richtung Comer See bis nach Castagnola. Stellen Sie das Auto auf dem Parkplatz hinter dem Heleneum am See ab und schwören Sie, die Kiste mindestens eine Woche lang nicht mehr anzurühren. Folgen Sie dem Hinweisschild: Fischers Seehotel.
Man erreicht es nur zu Fuss. Der Weg führt an dunkelroten und currygelben italienischen Häuschen vorbei unter Zypressen und Steineichen in zugewachsenen Gärten. Glyzinien und Magnolien blühen, Olivenbäume flirren im Gegenlicht über bröckelnden Mauern, dahinter spiegelt sich die nachmittägliche Sonne auf dem See, ein mahagonipoliertes Motorboot unter sandfarbener Blache dreht sich langsam um eine Boje - kurz: Wenn Sie einen online-Zugang zur Frankfurter Hermann Hesse-Ausgabe haben, können Sie jetzt mit dem Copy and Paste-Vorgang jede beliebige Stelle zum Suchwort „Italien“ hier einfügen. Das würde mir Arbeit ersparen. Mit Herrmann Hesse ergeht es mir übrigens immer so wie mit Emil Nolde: Mittlerweile habe ich eine etwas abfällige Meinung über deren Pseudopsychologie, dennoch haben sie intensiv meine Jugend bebildert. Ich hatte eine sogenannte kunstsinnige Grossmutter, so ein Lou Andreas-Salomé-Verschnitt, die eine grosse Bibliothek besass und behauptete, die beiden auch mal kennengelernt zu haben, was wahrscheinlich überhaupt nicht stimmte denn sie erfand ständig einen Haufen wichtigtuerischer Märchen, aber immerhin belieferte sie meine Geburtstage pünktlich mit Noldekalendern und Hessebändchen. Das prägt.
Wir wuchteten also schnaufend unser Gepäck, das hauptsächlich aus Max-Utensilien bestand, den Weg unter Weinlaub entlang, die Rollkoffer ratterten übers Ziegelpflaster. Das Fischer-Hotel liegt direkt am See. Es ist sozusagen in den See hineingebaut. Ein Albergo e Ristorante, das am Beginn des letzten Jahrhunderts errichtet wurde und das es irgendwie verschlafen hat, in Christian Krachts legendäre Hotelsammlung „Ferien für immer“ aufgenommen zu werden:

Im Salon könnte sofort ein Film aus den Zwanzigerjahren gedreht werden, wobei die Wand mit den zweihundert gerahmten Schwarzweissphotos von Filmstars der Zwanzigerjahre je nach beabsichtigtem Ironiegrad im Bild erscheinen würde oder nicht. Inmitten des Salons prangt ein betörender Frühlingsblumenstrauss, an dem man lange herumreiben und –prokeln muss, um festzustellen, dass er nicht „echt“ ist, wie man so sagt, als gäbe es nicht auch „echte“ Requisiten. Im angrenzenden Speisesaal kann man den Sonnenuntergang über dem Luganer See in Breitwandcolor verfolgen. Im Zimmer oben kann man dann verfolgen, wie Max diverse Gegenstände aus Portemonnaies vom Balkon direkt ins mondbeschienene Wasser wirft wie in einen riesigen Trevi-Brunnen. Vielleicht schliefen wir, befreit von irdisch Hab und Gut und mit Aussicht auf eine dermaleinst fröhliche Wiederkehr, deswegen so tief und gut.
Als ich am anderen Morgen auf den Balkon hinaus trat, lag der See noch im violetten Zwielicht. Am gegenüberliegenden Monte San Salvatore verloschen gerade die Lichter der Hangvillen und Bergdörfer. Ein motorisiertes Fischerboot, das weit durch die Stille zu hören war, zeichnete ein schwarzes „V“ quer über die Wasserfläche. Unten schwappte das Wasser am Bootsanleger. Dann ging linkerhand, über den Bergen an der italienischen Seeseite, zügig die Sonne auf und tauchte Castagnolas Ufergärten in honigfarbenes Morgenlicht. Ich bekam auf meinem Balkon plötzlich Lust, ein helles Zigarillo zu rauchen, einen Strohhut aufzusetzen, ein kragenloses Hemd und einen leinenen Sommeranzug mit ebensolcher Weste anzulegen und loszuwandern. Da mir solche Gelüste ansonsten eher fremd sind und ich auch schon seit Jahren nicht mehr rauche, vermutete ich natürlich sogleich irgendwelche Archetypen am Werk oder wie die Dinger heissen oder jedenfalls ein Wirken und Winken aus den Tiefen des Unbewussten. Aber wohin winkte und wirkte es mich? Plötzlich ging mir ein Licht auf: Monte San Salvatore - Castagnola, das ergibt doch zusammengesetzt, na, dämmert‘s auch bei Ihnen? Genau: Mont-agnola! Das Schicksal winkte uns heute ins Hermann Hesse-Haus nach Montagnola. Das Unbewusste ist nämlich gar nicht so blöd, wie es immer dargestellt wird, und lässt sich den Vorwurf der Pseudopsychologie anscheinend nicht so umstandslos gefallen. Allerdings hatte es hier für uns eine kleine Schnitzeljagd mit Hindernissen vorbereitet. Denn wo genau liegt Montagnola? Da wir ja geschworen hatten, Auto inklusive Navi nicht mehr anzutasten, stapfte ich zwei Treppen hinunter durchs noch schläfrige Hotel und drückte, da ich die Brille oben vergessen hatte, meine Nase an der Glastür zum Salon platt, hinter die jemand etwa auf Pudelschnauzenhöhe eine Landkarte von Lugano und Umgebung geklebt hatte. So, dann wollen mal suchen … - N 3-4, aha, das wäre dann wohl hier. Und welcher Bus fährt denn dahin, so da haben wir ihn schon … Gottseidank war der zur Frühschicht erscheinende Kellner ein bereits kraft- und zahnloser älterer Herr, sonst wäre die durch sein Türöffnen ausgelöste Prellung meines Nasenbeins wohl noch erheblich kräftiger ausgefallen. Fluchend weckte ich meine Familie und setzte sie mit nasaler Stimme von unserem Vorhaben in Kenntnis. Aber, ich weiss nicht wie es Ihnen da geht: Kaum hat man eine schöne Idee, die vielleicht gerade etwas merkwürdig rüberkommt, schon ist die Familie anderer Meinung. Ana murmelte schlaftrunken „ochnöwolltheuteigentlichnbisschenindersonnesitzen“, und Max formulierte erwachend sein Tagesprogramm mit einem einzigen gekrähten mot juste: „Baggah!“ Ich musste all meine Überredungskünste aufbieten und prophezeien, dass es in Montagnola, und wahrscheinlich überhaupt nur dort, garantiert die mildeste Sonne und die schönsten Bagger Mitteleuropas gäbe, sonst wäre Hesse, der bekanntlich sowohl ein rheumatisch geplagter als auch ein unheimlich tiefschürfender Mensch war, dort wohl gar nicht erst hingezogen, oder?
Gegen Mittag, nachdem ich mir noch die Finger an der dämlichen Chicco-Sportkarre gequetscht hatte, die Ana von meinen Coop-Superpunkten „gekauft“ hat, waren wir tatsächlich aufbruchfertig. Das Vaporetto beförderte uns quer über den hellblauen See nach Lugano. Weil ich zu jenen Menschen gehöre, die lieber dreimal die Nase in den Stadtplan stecken als Andere einmal nach dem Weg zu fragen, fuhren wir zwar eine Haltestelle und damit ein paar Kilometer zu weit, aber das konnte man ja auf der sonnigen Uferpromenade bequem zurücklaufen. Lugano – das ist wie eine Mischung aus Luzern und Triest. Italienisches Leben, mondäne Geschäfte, dazu eine Fussgängerzone wie in Barcelona. In einem Tabakwarengeschäft kaufte ich ein Päckchen heller Montecristo. Unter Sonnendächern und Arkaden schlenderten wir Richtung Zahnradbähnlein, das die Unterstadt mit dem Bahnhof verbindet. Ich gab vorsichtig zu bedenken, dass es bereits früher Nachmittag sei und das Museum vielleicht nur bis 16.00 Uhr geöffnet sei. Keine gute Idee, denn folglich hiess die nächste, harsch eingeforderte Station: Brezel-König. Hotdogs für alle, ohne Senf und Ketchup natürlich, jene konvenieren den Herrschaften Max und Ana nämlich nicht. Der ölgelockte Brezel-Tadzio, der ständig etwa fünf Kunden gleichzeitig bediente, fragte sicherheitshalber dreimal zurück und drückte mir schliesslich, nach höchstens einer Viertelstunde Wartens inmitten einer brezelmampfenden Rentnerreisegruppe aus St. Gallen, vier senf- und ketchuptriefende Bollos in die Hand. Da ich nur drei bezahlt hatte, wollte ich mal nicht meckern. Dennoch waren wir noch geraume Zeit mit Verzehr und anschliessenden Reinigungsarbeiten beschäftigt.
Endlich geht‘s mit der Gondel hinauf zum Bahnhof. Logisch, der Bus nach Montagnola ist vor zwei Minuten abgefahren, das hätte ich unten schon prophezeien können. Der nächste fährt in anderthalb Stunden. Kein Problem, wir lernen ein bisschen Lugano kennen. Unterhalb des Hotels „Zum weissen Kreuz“, vor dem ein paar blinde Veteranen in der Sonne dämmern, dämmert die Kirche San Antonio im Schatten. Sehenswert sind hier vor allem die ausliegenden Traktätchen:

Da möchte man doch auf den cammino kotzen. Als mein Blick auf die Streichhölzer neben den Opferkerzen fällt, halte ich das zunächst für einen erneuten Wink, um nicht zu sagen einen klaren Auftrag des Schicksals oder wessen auch immer, an diesem auserwählten Orte durch warmen Abriss Raum für eine wirklich sinnvolle Kultureinrichtung zu schaffen, aber dann begnüge ich mich doch damit, einfach die Streichhölzer einzustecken für die späteren Montecristo. Nix wie weg hier.
Schliesslich rumpeln wir auf gewundener Strasse mit dem Bus hinauf nach Montagnola. Diesmal frage ich zwar wiederum nicht nach dem Weg, dafür steigen wir drei Haltestellen zu früh aus. Bei dem Versuch, die vielbefahrene Strasse zu queren, springt Max aus der Chiccokarre, rennt los und verursacht eine Massenkarambolage ineinander verkeilter Vespas und Cabrios. Na gut, nicht ganz so, aber beinahe. Jedenfalls ist das Zetern des halsbrecherisch ausweichenden Vespafahrers noch lange zu hören. Hustend quälen wir uns auf der abgasbewölkten und fussgängerweglosen Strasse aufwärts, hinter uns hupt und bremst es im Sekundentakt. Fast hätten wir in den Dunstschwaden den rettenden Wegweiser "Sentiero H. Hesse No. 3" übersehen, wobei "H. Hesse" in einer albernen, dem Autographen nachempfundenen Schreibschrift gehalten ist. Wir schlagen uns seitwärts, folgen dem Pfad und befinden uns inmitten einer lieblichen Hanglandschaft zwischen Weinbergen, Mäuerchen, dunkelroten und currygelben italienischen Häusern und weissen Palazzi unter Zypressen. Überall blühen die Kirschen, der Hibiskus und die Paradiesbäume, von tief unten leuchtet der Luganer See herauf wie auf einem Aquarell von Hesse oder von Nolde, wenn er den Luganer See gemalt hätte.
Bald haben wir den Palazzo Camuzzi erreicht, das verwunschene Klingsorschloss, in dem Hesse lange gelebt hat und die Torre Camuzzi daneben, in der sich das Museum befindet. Wir sind ziemlich ausser Atem. Die freundliche Frau an der Kasse blättert ganz langsam ihre liberale Zeitung zu, lässt uns eintreten und gibt zu verstehen, dass hier so lange geöffnet sei, wie wir es wünschen. Wir sind die einzigen Besucher. Durch den kleinen Innenhof krebst „Knulp“, eine griechische Landschildkröte, die langsam mit Max Bekanntschaft schliesst.

Ana, die glücklicherweise eine relativ normale Oma hatte, nennt die Schildkröte absichtlich immer „Knut“ und döst ausgiebig in der Sonne. Während dessen gehe ich durch die schmale Ausstellung und entdecke dort unversehens Hesses Telefonbüchlein, in dem mir der unscheinbare Eintrag „Hubmann (Oelheizg.)“ ins Auge fällt:

Das ist es also! Das ist es, was das unbewusste Schicksal mir zeigen wollte und was mich tatsächlich jetzt mit Hesse versöhnt. Die Telefonnummer vom Heizungsmonteur. Hermann Hesse im Kampf mit der Technik. Hermann, ein Mensch wie Du und ich. Ich sehe ihn vor mir, wie er frierend und fluchend die 2 14 64 sucht: „Ninon, wie heisst gleich dieser Mensch von der Heizungsmafia? Hauptmann? Hegemann?“ Ein kaputter Ölbrenner ist eine dreckige Sache und keine Pseudopsychologie. Ich nehme das Wort zurück. Und werde mal wieder was von ihm lesen. "Siddharta" zum Beispiel.
Aufgeräumt verlassen wir das Museum, um im Café gegenüber ein kleines Heissgetränk zu uns zu nehmen. Vor dem Café wird die Strasse neu gepflastert. Und da steht er. Max hat ihn als erster entdeckt und stösst einen Schrei aus. Der schönste Bagger der Welt. Vor allem der röteste. Ketchup ist blass dagegen. Am Schwenkarm steht in weisser Blockschrift: „Demian“. Er hat genau die richtige Grösse. Und er ist offen. Max ist nicht mehr zu halten und klettert sofort auf den Fahrersitz. Ich quetsche mich daneben. Links an der Seite steckt tatsächlich ein Schlüssel. Ich starte zum ersten Mal in meinem Leben einen Bagger, es zischt und rumpelt, wir legen einen Gang ein und fahren langsam einmal ganz um Montagnola herum, wobei wir hier und da in die Erdkruste knacken wie in eine Eierschale und zum Schluss grandios den Luganer See mit dem Schwenkarm grüssen -
Das mit dem Schlüssel und der Rundfahrt stimmt natürlich nicht ganz. Aber Max kam es wahrscheinlich so vor. Er bleibt noch lange im Bagger sitzen, während Ana und ich doppelte Espressi bestellen und im ausliegenden himmelblauen Büchlein „Hesse in Montagnola“ aus der Reihe "Menschen und Orte" blättern.
Für den Rückweg nehmen wir wiederum den Sentiero H. Hesse, diesmal allerdings "No. 2“. Er windet sich inmitten einer lieblichen Hanglandschaft zwischen Weinbergen und Mäuerchen, weissen Palazzi unter Zypressen und blühenden Kirschen usw. bergab, Sie kennen das ja jetzt. Von unten leuchtet der Luganer See, in der Ferne verschwimmen blau die schneebedeckten Alpengipfel. Kurz vor der Bushaltestelle führt der gepflasterte Weg zwischen dunkelroten italienischen Häuschen unter einem grossen dunkelroten Mauerbogen hindurch. Als wir ihn mit dem in der Karre schlafenden Max passiert haben, drehe ich mich noch einmal um. Direkt unter dem Bogen wehen unvermittelt über den Weg drei currygelbe Kartoffelchips. Eben lagen sie doch noch nicht da? Und woher kommt dort plötzlich der Wind? Und nun sage noch einer, dass das Unbewusste nicht seine eigene Art hat, auch zum Abschied zu winken ...
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