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Sol lucet omnibus

Feb 05 2012

Sol lucet omnibus

von (Christoph Fuhrhans)

Einen Vortrag über Achtsamkeit halten, auf dem Berliner DGVT-Kongress, Anfang  März? Klar, das sollte kein Problem sein. Mit Achtsamkeit habe ich mich immer gern beschäftigt. Also, gleich ein kleines Antwortmail an Johannes Michalak aufgesetzt: Lieber Herr Michalak, besten Dank für die Einladung, sage sehr gern zu und so weiter, herzliche Grüsse. Das war im vergangenen August. Bis März war noch reichlich Zeit. Ein paar Wochenenden und Abende würden zur Vorbereitung genügen. Dachte ich. Blöd nur, dass meine Wochenenden, die ich früher gern am Schreibtisch verbracht habe, in letzter Zeit etwas anders aussehen: Samstagmorgen werde ich zumeist davon geweckt, dass ein dreieinhalbjähriges männliches Wesen mein breit hingestrecktes Leib-Ich als Trampolin benutzt und im Sprungrhythmus die wiederholte Aufforderung „Auf-wa-chen!“ erschallen lässt, während seine kleine Schwester unverschämt dazu kichert und beifällig in die Hände klatscht. Da fällt zwar das Aufwachen nicht schwer, das Aufstehen auch nicht - das restliche Wochenende darf ich dann jedoch unrasiert und in einen löchrigen Bademantel, eine Augenklappe und einen morschen Landi-Schlapphut gewandet als „Steuermann-Pirat“ verbringen. Piratenkapitän Max sucht derweil von einer auf dem Wohnzimmertisch platzierten Trittleiter aus (Ausguck) die Küstenlinie auf kaperbare Piratenbräute ab, die seiner Schwester nicht unähnlich sehen, organisiert Raubzüge in wohlhabende Klöster (Küche) und sieht sich von Zeit zu Zeit genötigt, seinen unbotmässigen Steuermann, der sich heimlich und unter fadenscheinigen Vorwänden an seinen Schreibtisch zu schleichen versucht, ins „Gefängnis“ (Balkon) zu verfrachten. Einmal durfte ich eine Viertelstunde von aussen an die verschlossene Balkontür hämmern, sehr zur Freude flanierender Sonntagsspaziergänger, bevor mein Sohn sich im Wortsinne versöhnlich zeigte und mich gnädig durch Öffnen der Tür wieder an Deck liess. In der Zwischenzeit hatte Piratenbraut Julika neben anderen Gegenständen des täglichen Gebrauchs auch meine Lesebrille im WC versenkt, wodurch sich die Schreibtischoption aus mehreren Gründen erübrigte. Ana, die an mehreren Tagen unter der Woche die Steuerfrauenfunktion verantwortungsvoll inne hat, liess es sich derweil in Fitnessbude, Coiffeursalon und Shoppingmall wohl sein und bedachte uns hin und wieder mit entspannten Anrufen. Zwar verfluchte ich gelegentlich, je näher der Vortragstermin rückte, unsere diesbezügliche Abmachung und wünschte mir eine schöne traditionelle Rollenverteilung zurück mit Wochenenden am Schreibtisch, aber dafür war es jetzt zu spät, die Fitnessbude war für ein Jahr im Voraus bezahlt. Nun, es blieben ja noch die Abende während der Woche. Ich würde einfach etwas früher nach Hause kommen.

Allein, auch hier hatte ich die Rechnung ohne den Kapitän gemacht. Max ist, dank unserer konsequenten Vorbildfunktion, zwar strikt gegen Fernsehen, keineswegs jedoch gegen den allfälligen Konsum lustiger Zeichtrickfilme im Netz, sofern sie von Piraten handeln.  Nach dem Abendessen pflegt er, wie ich jetzt feststellen musste, vom Trittleiterausguck auf meinen Schreibtischstuhl herüber zu entern, um mit einer für sein Alter beneidenswerten Internetkompetenz das YouTube auf Piratenfilme abzugrasen, während ich im Fall meine Emails per Iphone beantworten musste. Natürlich vertouchte ich mich dabei ständig und wünschte das Iphone dahin, wo sich sein Urheber auch schon befindet, aber für diese persönlichen shortcomings hatte der weingummikauende Kapitän weder Auge noch Ohr. Jedenfalls, so konnte es nicht weiter gehen. Mir blieb, wenn ich meinen Vortrag noch rechtzeitig vorbereiten wollte, nichts anderes übrig, als ein paar Tage frei zu nehmen. Ich legte mir die wichtigsten Bücher und Aufsätze bereit, liess mir von winterbleichen Arbeitskollegen ein neiderfülltes „Schöne Ferien, na Du hast es gut!“ wünschen, lud das Piratenduo morgens in der Kinderkrippe ab, fuhr erleichtert nach Hause zurück und nahm achtsam an meinem reichlich mit Keksresten und Käpt’n Sharky-Kakaobechern bestellten Schreibtisch Platz.

Zeitgleich mit dem Laptop öffnete sich auch die Wohnungstür und Giulia, unsere sizilianische Saubermachfrau, stand im Flur. Verdammt, heute war ja Dienstag. Giulia war hocherfreut, ein Gegenüber für ihren Mitteilungsdrang vorzufinden und beklagte sich wortreich über die sinistren Aktionen ihrer weitläufigen Mafiaverwandtschaft, worüber ich allerdings angesichts meiner eigenen engeren Verwandtschaft nur müde lächeln konnte. Während dessen stapelte sie alle herumliegenden Arbeitszimmer- und Badezimmerutensilien auf meinem Schreibtisch, was sie offenbar regelmässig tat, um die Fussböden zu wischen, wofür sie mich in diesem Fall freundlich in die Küche komplimentierte. Als sie ihre geräusch- und gesprächsreiche Tätigkeit am frühen Nachmittag endlich beendete und sich zum Gehen anschickte, konnte sie an der Tür gerade noch Ana begrüssen, die heute etwas früher heimkam, dafür aber eine Freundin und insgesamt vier Kinder im Schlepptau führte, darunter Max und seinen Piratenkumpel Tobias. Angeblich hatte man mir das geplante Brownies-Backevent bereits in der vergangenen Woche angekündigt, aber wer kann sich schon alles merken. Die von verführerischem Brownies-Duft durchzogene Wohnung verwandelte sich innerhalb kürzester Zeit in ein Piraten-Harmagedon, wobei das mittlere Bücherregal im Wohnzimmer zum neuen Ausguck erkoren wurde. Als die Arno-Schmidt-Gesamtausgabe in der obersten Reihe polternd ihren Platz den Bukaniern räumen musste und kurz darauf das gesamte Regal sich ächzend wie die Costa Concordia auf die Seite legte, beschloss ich, als Stresstoleranzskill endlich mal den Estrich aufzuräumen, was bisher daran gescheitert war, dass man vor lauter Gerümpel die Estrichtür nicht mehr öffnen konnte -

Als ich mich ein paar Stunden später wieder herunter wagte, glich die Wohnung weitgehend dem Estrich vor der Aufräumaktion. Die Backfreundin war mittlerweile samt Anhang wieder abgezogen und die todmüde Ana bat mich gerade noch schläfrig, doch netterweise die Kinder ins Bett zu bringen, bevor sie sich selbst mit der Begründung, unbedingt einmal durchschlafen zu müssen, ins Gästezimmer zurückzog. Max bearbeitete gerade konzentriert einen gigantischen Malblock, die nähere Umgebung des Malblocks sowie sein Gesicht mit Marabu-Fingerfarben und summte dazu versonnen „O, du goldigs’ Sünneli“. Julika döste in einer Ecke auf meiner irgendwie ins Wohnzimmer geratenen Bettdecke, auf der sich noch zahlreiche Brownies-Reste befanden. Weitere Brownies waren nicht mehr zu sehen. Anscheinend würden die beiden bald einschlafen. Die Situation war günstig. Auf Zehenspitzen erreichte ich ungehindert den Schreibtisch. Ich öffnete leise das MacBook, startete eine leere Powerpoint-Präsentation und begann, mir einen griffigen Vortragstitel zu überlegen.

Im nächsten Moment wurde es schlagartig finster. Die von der katzenpfotigen Julika mit entschiedenem Griff vom Schreibtisch gefegte Bauhauslampe zerschellte am Boden, gefolgt von fröhlichem Kichern und in-die-Hände-Klatschen. Das Scherbenfegen im Dunkeln gestalteten sich nicht ganz einfach. Beim Aufrichten schlug ich mit dem Kopf kräftig von unten gegen das von der Decke hängende Schiffsmodell, Typ „Kutter Elbe“. Aber wofür haben wir Coldpacks im Eisfach. Mit dem Coldpack auf dem brummenden Schädel trug ich eine vergnügt babbelnde Julika durch die Wohnung, die, anders als ich, noch lange nicht ans Schlafen dachte. Irgendwie verlangte mein Kopf dringend nach Ruhe, und es gelang mir tatsächlich, Max zum ins Bett-Kommen zu überreden – allerdings unter seiner Bedingung, dass fünf Piratenbücher und zwei Mini-Eiscornettos als Begleitung zugelassen waren. Im Bett musste ich noch sämtliche Piratenbücher „verzählen“ und zweimal alle siebzehn Strophen der Königskinder singen, bevor ich schliesslich meinerseits erschöpft einschlief.

Als folgenden Tages die Morgenröte mit Rosenfingern erwachte, fand sie mich zwischen Kindern und Piratenbüchern in einem zyklopenähnlichen Schlaf, die augenbeklappte Gesichtshälfte mit eingeprägtem Waffelmuster auf einem klebrig zerlaufenen Nusscornetto gebettet, während meinen Schädel eine veritable Beule zierte. Kurz nachdem ich aus dem Eisfach ein letztes Coldpack gegraben und mir auf den Kopf gesetzt hatte, kam mir die Erleuchtung: Schloss Wartegg! Schloss Wartegg war der einzige Ort, wo ich in achtsamer Ruhe meinem Vortrag noch einigermassen Gestalt geben konnte. Ich packte einen Koffer für ein paar Tage, legte Bücher, Artikel und Laptop obendrauf und verbrachte noch einen netten Vormittag in diversen Playmobilarrangements, bevor ich den Reissverschluss des Koffers zuzog und mich von meiner Familie verabschiedete, um das schöne Hotel am Rorschacherberg anzusteuern.

Wartegg lag in milchig wabernden Bodenseenebeln und erinnerte, als ich in die verschneite und mit schwarzverästeten Bäumen bestandene Schlossallee einbog, etwas an das House of Usher. Der Gästeparkplatz war nahezu leer. Im Inneren aber war es warm, schon die Eingangshalle verströmte ein anthroposophisch-achtsamkeitsorientiertes Flair. Mein Zimmer unter dem Dach, mit Blick auf den blaugrauen See, hatte die minimalistische Schlichtheit einer Kajüte auf der Flying Dutchman und war in jeder Hinsicht für mein Vorhaben geeignet. Jetzt konnte ich endlich beginnen. Ich öffnete den Koffer. Aber wo waren meine Bücher und Fachartikel? Irgendjemand ...

 hatte sie, offenbar noch daheim, gegen die etwas andere Lektüre ausgetauscht: „Käpt’n Sternhagel sieht rot“, „Pirat Wirbelwind auf grosser Fahrt“, „Das grosse Piratenbuch“ usw., insgesamt sieben nützliche Bücher barg mein Koffer, für jedes der Meere eines. Die Fingerfarben aus den vier offenen Dosen, als eiserne Reserve hinzugestellt, waren über Hemden, Pullover und Laptop gelaufen und erhoben den Koffer in den Rang einer papageienfarbigen Installation. Als ich das Fäden ziehende MacBook mit spitzen Fingern öffnete, strahlte mir eine tropfende maisgelbe Pracht entgegen wie die Sonne über der Provence. Die Elektronik hatte sich vollständig verabschiedet.

Jetzt endlich verstand ich. Ich bestellte mir ein Glas Weisswein aufs Zimmer, setzte mich an den Schreibtisch, schaute auf den dunkelnden See, öffnete im Schein einer funktionierenden Schreibtischlampe das bereits leicht angetrocknete Siegel des ersten Buchs und vertiefte mich in die Abenteuer von Käptn Sternhagel. Ich stellte mir die Gesichter der Frühstücksgäste am nächsten Morgen beim Anblick meines kunstvoll gestalteten Hemdes vor und entschied, eines dieser Hemden auch zum Vortrag zu tragen, den ich ihn wohl folgendermassen beginnen würde: „Lieber Herr Michalak, liebe Kolleginnen und Kollegen. Unser Weg zur Achtsamkeit mag lang und dornig sein, bis wir feststellen: Nicht wir suchen die Achtsamkeit, sondern sie sucht uns. Sie sucht uns, wie die Sonne uns sucht und sie ist doch immer schon da - wie die Sonne, auch wenn wir sie nicht sehen. Ich habe Ihnen zwar keine Powerpoint-Folien mitgebracht, dafür aber eine kleine Erkenntnis ...“

Und morgen würde ich wieder nach Hause fahren.

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